Langer Spaziergang

Gestern denk ich: Mannomann, endlich zieht sie die Jacke an, ohne dabei zu sagen: Ich komm gleich wieder, muss mal eben Auto fahren – einkaufen.
Sie schreibt einen groooßen Zettel und legt ihn für Papa auf den Küchentisch. Dann holt sie sogar die Leine, und was passiert? Ich dreh vor Freude fast durch. Endlich, denk ich, endlich nimmt sie mich mal wieder mit.
Und was glaubt ihr?
Die Leine angeklickt und raus mit mir aus der vorderen Haustür. Aus der VORDEREN Haustür, da gehen wir sonst NIE raus, sonst geht es immer HINTEN raus. Also das ist schon mal komisch.
Ja, und dann will sie in eine völlig andere Richtung, als in die, wo wir sonst immer lang laufen, und SIE sagt: „Jetzt gehen wir ins Dorf, Schätzchen.“

DORF, denk ich, was ist DAS denn nun schon wieder??

Ja, und so latschten wir los. Alles neu für mich – völlig fremde, aber interessante Gerüche. Doch sie lässt mich kaum schnuppern, zieht mich immer weiter und weiter. Nur noch Häuser und breite Straßen. Große, dicke Autos flitzen an uns vorbei, und ich würde gern fliehen, weil ich Angst bekomme. Aber sie zieht mich ganz nah an sich heran, sagt zwischendurch immer mal wieder „Fuß!“, und langsam fühle ich mich ein bisschen sicherer – so nah neben ihrem Bein, und ich hör auch auf, so dolle an der Leine zu ziehen.
Wir laufen auf eine Kreuzung zu, bei der an allen Ecken Lampen aufgestellt sind, mit roten, gelben und grünen Lichtern. Da müssen wir rüber, aber ich muss mich erst hinsetzen, und diese stinkenden Autos zischen an uns vorbei, wehen mir die Ohren fast weg. Erst als die Lampe vor uns auf grün umschaltet, geht es weiter und weiter …

Nee, wenn DAS das „Dorf“ ist, denke ich, mag ich es nicht. Da lauf ich doch lieber hinten bei uns über die Feldwege und Wiesen.

Irgendwann kommen wir weg von der großen Straße – in eine Siedlung. Da läuft es sich schon bedeutend angenehmer und ruhiger, und ich muss nicht mehr so eng an Futterfees Bein laufen, kann ab und zu auch mal Zeitung lesen. Muss tolle Kerle geben in der Gegend, denk ich.

Ja, und dann – nach einer ganzen Weile – biegen wir in einen Garten ein, und an der Garage von dem Haus hängt so ein Schild, das ich schon kenne, und mir schwant Böses.

So ein Schild ist das:

tierarzt schild

Um Himmels Willen, denk ich, was soll DAS denn???
Die werden mich doch nicht schon wieder …!?

Hinten im Garten dieses Hauses gehts dann eine lange Treppe runter in den Keller. Niemand da außer uns – alle Stühle leer. Wir setzen uns kurz, dann geht eine Tür auf und heraus kommen Leute mit einem Kumpel. Ich hätte den gern ein bisschen geknutscht, aber die Leute ziehen gleich mit dem weiter, und ein Mann, den ich nicht kenne, gibt Frauchen die Hand und nimmt uns mit in sein Zimmer.
Der Geruch darin kommt mir auch bekannt vor – genauso wie dieser Tisch in der Mitte. Oh je, oh je, denk ich …

SIE erzählt ihm davon, dass ich ab und zu meine Leckanfälle kriege, und dass ich überhaupt so einen komisch festen und schleimigen Speichel habe – fast wie Klebstoff, den sie auch immer nur schwer aus meiner Futterschüssel kriegt, wenn sie sie auswäscht.
Und er sagt, wenn man wirklich wissen will, wie es in meinem Magen aussieht, müsse man eine Magenspiegelung (???) machen, aber zunächst könne man mal versuchen, mein Blut zu untersuchen.

Zack – bin ich auf diesem Tisch, und – nochmal zack – hab ich eine Nadel im Arm. Aber die merke ich kaum, und so zucke ich nicht einmal. Außerdem bin ich damit beschäftigt, die Leckerchen, die er mir auf dem Tisch vor die Nase gelegt hat, so schnell wie möglich wegzuputzen. Geht doch nicht, dass die für einen anderen Kumpel liegen bleiben …

Danach sieht er mir in die Ohren und meint, das Mittel, dass SIE gestern schon bei seiner Frau für mich abgeholt hat, sei genau richtig dafür, was dort drinnen in meinen Ohren nicht ganz in Ordnung sei und was mich während der letzten Tage den Kopf immer leicht schief halten lässt.

Schließlich gibt sie ihm mein Impfbuch, und er schaut nach, ob das mit der Impferei bei mir mal wieder fällig ist. Ja, ja …
Wieder gibts eine Handvoll Leckerlies (was für ein netter Mann, denke ich) – diesmal auf den Boden – und dann könnt ihr euch sicher schon vorstellen, was passiert. Diesen zweiten Pieks (hinten am Po) merke ich dann doch, aber da ich vorn ja noch immer mit den Leckerlies beschäftigt bin, ist das schnell wieder vergessen.

„Am Freitag Nachmittag können Sie wegen des Blut-Ergebnisses anrufen“, sagt er, und schon sind wir wieder in diesem Raum mit den vielen Stühlen. Jetzt ist es dort bedeutend voller, aber wieder darf ich meine Kumpels nicht knutschen. SIE zieht mich gleich die Treppe hoch und raus aus dem Garten.

„Hm …, wo der Papa nur bleibt?“, fragt sie und schaut die Straße rauf und runter. Doch von Papa ist weit und breit nix zu sehen. Also laufen wir los – den gaaaaanzen Weg wieder zurück …

Zuhause ist der Papa auch nicht. Nicht im Haus und nicht im Garten. Auch sein Motorrad steht noch nicht in der Garage – SIE hat extra nachgeschaut.

„So langsam mach ich mir Sorgen“, sagt sie, setzt sich drinnen aufs Sofa und zieht ihre Schuhe und Socken aus. Unter ihrem Fuß ist eine dicke Hautblase. So ein richtig kleiner Ballon.
„Und das alles nur, weil unsere Madame absolut nicht Auto fahren mag“, stöhnt sie und reibt sich die Blase mit Salbe ein.
Auch ich bin ziemlich geschafft und mach mich – nach einem ordentlichen Schluck Wasser – erst mal auf dem Teppich lang.

Ja, und dann kommt er endlich doch, der Papa, und erzählt was von „länger arbeiten, sonst hätte ich morgen in die Schweiz gemusst …“ und sowas …

4 thoughts on “Langer Spaziergang

  1. ach Emma, sooo schlimm ist das doch auch nicht bei diesen menschen in den weissen kitteln!
    Ich geh da immer ganz gern hin, denn die leckerlies sind nicht zu verachten!
    Klar, gepiekst haben die mich auch ganz oft und letzte woche haben die mir da meine ganzen ollen haare rausgerissen!
    Stell dir das mal vor…. einfach so!
    Musste sein hat Frauchen gesagt und ist dann einfach weggegangen und hat mich da allein gelassen….
    aber ganz ehrlich: schlimm war das nicht!
    Ich war ganz brav und hab viel zu naschen gekriegt… wenn Frauchen das wüsste *gg*!
    Aber nun bin ich auch froh, das die ollen haare weg sind bei der wärme.
    Glaub mir, die sind gar nicht so doof, diese weisskittel – wissen schon wie sie uns rumkriegen und deine ohren kriegen sie bestimmt auch wieder ganz toll hin!
    wuff wuff
    dein Fienchen

  2. Herrlich geschrieben! Habe mehrfach gegrinst und gelacht, echt klasse, und sooo anschaulich aus der niedrigen Sicht des Tieres.

    Armes Emma-Tuck-Tuck, was die unvorhersehbaren Menschen so alles mit den Tieren anstellen (müssen).

    Interessanterweise kletterten unsere Kater freiwillig in den Katzen-Transportkorb, obwohl wir sie darin abgeholt, damit zum Tierarzt (Kastrieren) gebracht und sie darin später eine für sie Höllenfahrt für den Umzug gemacht haben.
    Manches Böse vergessen sie halt doch, Gott-sei-Dank, wie wir.

    LG und alles Gute Emma,
    Barbara

  3. Oh je, liebe Emma, da hast du aber einen sehr aufregenden Tag hinter dir!! Vor allen Dingen drück ich dir die Pfoten, und Frauchen sagt, sie drückt die Daumen, daß du nicht diese komische Magenspiegelung machen lassen mußt, und daß die Blutuntersuchung ausreicht.

    Da warst du aber auch echt tapfer, bei so viel doofer Piekserei *nasenstups* ja, das ist ne gute Sache bei diesen Weißkitteln, da gibt’s immer Leckerlies, und die müssen natürlich gleich verputzt werden.

    Deine Ohren sind bestimmt bald wieder okay, wenn du dieses Zeug reinbekommst. Das hab ich auch oft, und dann macht Frauchen mir das ins Ohr, kitzelt total blöd und ich schüttel mich dann wie wild – aber danach wirds schnell besser. Das ist wegen der Schlappohren und wegen dem Schwimmengehen im See.

    dir ganz liebe wuffige Grüße und auch an deine Futterfee *wedelwedel*
    das Monsterchen 🙂

  4. Hallo Emma,
    bin wieder zurück und musste gleich mal sehen, was meine Patenhündin so treibt. Hört sich ja gar nicht so gut an, was ich da lese. Aber offensichtlich hat es Dir Deinen Appetit wenigstens nicht verdorben und unter „die Leute“ bist Du auch gekommen. Ich hoffe, Deine Blutergebnisse werden gut ausfallen…und die Ohrgeschichte, naja…das habe ich schon von vielen Hunden gehört. Da bist Du nicht allein, allerdings dachte ich immer, langhaarige Schlappohren wären hauptsächlich davon betroffen. Mein Stehohr-Max hatte so etwas nie, die vor langer Zeit verstorbene Bobtail-Betsy allerdings regelmäßig, weil sie auch furchtbar gerne badete und warme Feuchtigkeit unter den Schlappohren ein Eldorado für irgendwelche Keime war!
    Also: Halt die Ohren steif, Emma!

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